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|BücherArchitektur und Städtebau

Die offene Stadt

Eine Ethik des Bauens und Bewohnens

Die offene Stadt

Fachbuch

Autor: Richard Sennett

Verlag: Hanser

32,90 € inkl. MwSt. *

lieferbar innerhalb ca. 2-4 Werktagen
1. Auflage, 2018, 400 Seiten, gebunden

Inhalt

Im Jahr 2050 werden zwei Drittel aller Menschen in Städten leben - wie können Bewohner mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen eine friedliche Koexistenz führen? Richard Sennett stellt die Frage nach der Beziehung zwischen urbanem Planen und konkretem Leben: Wie hat sie sich historisch gewandelt? Wie kann eine offene Stadt aussehen, die geprägt ist von Vielfalt und Veränderung - und in der Bewohner Fähigkeiten zum Umgang mit Unsicherheiten entwickeln? Richard Sennett zeigt, warum wir eine Urbanistik brauchen, die eine enge Zusammenarbeit von Planern und Bewohnern einschließt und voraussetzt - und dass eine Stadt voller Widersprüche urbanes Erleben nicht einengt, sondern bereichert.

Rezension

Das Hohelied von der Kantstraße

Die Großstadt des 18. Jahrhunderts war bunt, laut und stank. Die Menschen kippten ihren Abfall aus den Fenstern einfach auf die Straße, Männer pinkelten ungeniert an Hauswände. Aber es herrschte Reibung, eine zupackende Form des Bewohnens und Benutzens einer Stadt, wie wir sie uns heute kaum vorstellen können. „Mitte des 18. Jahrhunderts empfand ein Fremder in Paris oder London keine Scheu, Unbekannte auf der Sprache anzusprechen und sie ganz direkt am Arm festzuhalten, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen", schreibt Richard Sennett in seinem Buch „Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens". Im 19. Jahrhundert änderte sich das. Die Städte wurden sauberer, aber auch anonymer. Statt mit Worten verkehrten die Menschen untereinander mit Blicken. Alle Welt trug „ein langweilig einheitliches Grauschwarz, das die städtische Menge als ein Meer aus schwarzgekleideten Männern mit schwarzen Hüten erscheinen ließ". Um 1900 gab es in den meisten Pariser Cafés nur noch kleine runde Tische, an denen die Leute zu zweit saßen oder für sich blieben. Die Gemeinschaftstische der alten Schenken waren verschwunden.


Wie sollten Städte heute aussehen, damit ihre Luft, wie es ein altes Sprichwort sagt, tatsächlich frei macht? Dieser Frage geht der berühmte US-amerikanische Soziologe Sennett (Jahrgang 1943) in seinem jüngsten Buch nach. Er beantwortet die von ihm aufgeworfene Frage in etwa so: Es kommt nicht in erster Linie auf die physische Gestalt einer Stadt an (die gebaute Umwelt bezeichnet er als „ville"), sondern darauf, welches Leben sie den Menschen ermöglicht. Die Art, wie die Bewohner in einer Stadt leben, bezeichnet er als „cité". Sennett zufolge braucht eine Stadt eine flexible, leicht veränderbare Benutzeroberfläche. Planungen wie die von Baron Haussmann (Paris) oder Ildefons Cerdà (Barcelona) haben sich in diesem Sinne bewährt, obwohl die Grundfigur – Haussmanns breite, schnurgerade Boulevards und die Cerdà'schen Achtecke – auf den ersten Bild Langeweile und Monotonie vermuten lassen.


Den Abschluss des Buches bildet ein Spaziergang durch die Kantstraße in Berlin. Nach einem Schlaganfall benutzte Sennett deren Bürgersteige als Trainingsstrecke für seinen körperlichen Wiederaufbau. „Kaum Beachtung findet die Kantstraße bei den zahlreichen trendbewussten Leuten Berlins, die eher in zentralen oder östlich gelegenen Bereichen der Stadt anzutreffen sind. Und doch besitzt die Straße nahezu über ihre gesamte Länge Charakter, sie ist lebendig und interessant", schreibt Sennett, der einen starken Deutschland-Bezug hat. Seine Lehrerin war die in die USA emigrierte deutsche Philosophin Hannah Arendt.
Etwas in der Kantstraße funktioniert, etwas haben die Stadtplaner, Architekten, Bewohner und Passanten richtig gemacht, ohne dass Sennett genau sagen könnte, was es ist. „Obwohl die Straße von vielen einsamen Leuten bevölkert ist, wirkt sie doch nicht trostlos." Die Kantstraße ist anpassungsfähig. Der Einwanderer aus Asien kann dort ein Lebensmittelgeschäft betreiben, die Paris Bar ist die zweite Heimat „für ältere bürgerliche Bohemiens", als den sich Sennett selbst sieht. Die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, aber auch der stete Austausch der Bewohnerschaft konnte der Vitalität dieses Boulevards nichts anhaben. „Wie Haussmanns Paris entwickelte sie ein von den Absichten der Erbauer unabhängiges Eigenleben. So sah kein Stadtplaner im Berlin der 1960er Jahre die Ankunft der Asiaten voraus, und dennoch vermochte die Straße sie aufzunehmen und unterzubringen."


Christoph von Schwanenflug, Immobilien Zeitung

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